Ab 21. Mai habe ich schulfrei. Das ist auch ganz angebracht, denn der Unterricht momentan ist in vielen Fächern recht überflüssig. Kommt fast keiner oder hört einfach keiner zu.
In Bio beispielsweise behandeln wir gerade das Thema „Verhaltensforschung“, und zwar an Big-Brother-Charakteren. Nicht nur, dass ich jetzt gezwungenermaßen alle Big-Brother-Namen kenne – danach ist auch das Niveau im Keller und der Intelligenzquotient um zwanzig Punkte gefallen.
Also. Ich bin heute weder besonders euphorisch, weil ich alle Prüfungen hinter mir habe, noch habe ich gefühlt, wie „die Last von meinen Schultern fällt“, wie uns das unser Biolehrer prophezeit hat. Ich war nur froh, als ich nach dem Englisch-Abi endlich etwas essen durfte (ich hatte nämlich die ganze Prüfung über schon mächtigen Kohldampf) und über die Erkenntnis, dass ich ab heute endlich eine Woche lang frei habe, und nicht mehr morgens um acht antreten muss, um mehrere Stunden eine Prüfung zu schreiben. Das ist nämlich ganz schön langweilig.
Ich habe mein Lernziel mit dem Minimalprinzip erreicht. Ich war nicht nervös, ich habe mich nicht verrückt gemacht und mir ging während der Prüfungen weder die Tinte des Füllers aus noch die Batterien des Taschenrechners leer. Ich würde sagen, ich habe das gut hinter mich gebracht.
Heute ist der schönste Schultag meines Lebens, denn heute habe ich mein VBRW-Abitur hinter mir. Und ja, ich kann sagen, ich habe es gut hinter mich gebracht, denn das Kultusministerium hat es gut mit mir gemeint. Es hat mich entlohnt, für all die Stunden – Stunden des Peins, Stunden des Frusts, der Zeitlosigkeit, der Scham – Stunden der Resignation! (Ich habe heute vor lauter Glückseligkeit sogar ausnahmsweise die richtige Abiturienten-Chiffre-Nummer auf meine Arbeitsblätter eingetragen!) Nein. Ich kann mich nicht beschweren. Und: nein. Viel getan habe ich nicht. Eigentlich hätte ich so viel Gutmütigkeit gar nicht verdient. Für die Faulheit, die ich an den Tag gelegt habe, für all die Schimpfworte, die ich mit den Fächern in Zusammenhang gebracht habe – ja, ich hätte ich drei Wahlaufgaben voll mit Kostenrechnung verdient. Hätte ich. War aber nicht so. Ätsch!
Und weil es so schön ist, hier nochmal die wunderschöne, machbare, ja, liebliche Themenzusammenfassung des heutigen Tages: Die drei Wahlthemen in BWL/Rechnungswesen waren „Rechtsformen der Unternehmung mit Schwerpunkt Kommanditgesellschaft“ feat. den Gesellschaftern Claus Clever und Rudi Ratlos. (Diese Namen können sich auch nur Menschen ausdenken, die selbst einen völlig hässlichen Vor- und Zunamen haben, Frust oder so.) Außerdem „Kooperation/Konzentration und Jahresabschluss mit Bewertung“. Und last but not least (and definitely not chosen) – „Vollkosten- und Deckungsbeitragsrechnung“. Pfui, pfui.
Und für VWL standen zur Verfügung die „Geldpolitik, auch anhand wirtschaftspolitischer Tagesfragen“ und „Markt – Angebot und Nachfrage“ oder so etwas in der Art (hab ich schon wieder vergessen).
Ich werde jetzt meine ganzen Ordner zur Thematik ganz weit weg tun, mein Wirtschaftsgesetzbuch versteigern und mit dem Erlös (Erlös = Preis * Menge :kls) in die Karibik fliegen.
Mein Mathe-Abi war ungefähr so interessant, wie Kühen beim Grasen zuzusehen. Glücklicherweise bin ich gestern früher ins Bett, sonst wäre ich heute irgendwann mal über der Stochastik-Aufgabe eingeschlafen, und direkt mit dem Kopf auf mein Käse-Brötchen geknallt, das ich dabei gegessen habe.
Wen es interessiert was alles dran kam: Analysis (Funktionen aufstellen, Differential- und Integralrechnung), 45 Punkte zu erreichen. Vektorgeometrie (weiß nicht mehr, was da alles zu rechnen war, ist eh doof), 14 Punkte. Stochastik (irgendwas mit einem Glücksspielautomaten, Standard halt), 16 Punkte. Und Anwendungsaufgaben, 15 Punkte. Wobei ich ja eine Anwendungsaufgabe sehr genial fand: Man schenkt sich Bier ein, bis der Schaum den oberen Rand erreicht, und dann gab’s eine Funktion, die den Zerfall des Schaums angab. Da waren die Aufgabensteller mal saumäßig kreativ.
Und weil Mathe so langweilig war, war mein persönliches Highlight heute ja, dass sich zwei Busfahrer am Busbahnhof aufs Übelste beleidigt, sich gegenseitig angespuckt und Sachen hinterher geworfen haben. Mit dem Alter wird man halt nicht immer weiser, ne.
Gähn. Bin gestern irgendwie erst gegen zwei Uhr nachts ins Bett, habe dann festgestellt, dass mein Wecker – beziehungsweise das Kabel des Weckers – einen Wackelkontakt hat, und immer wieder ausgeht. Deshalb hab ich mal rein präventiv meinem Bruder gesagt, er soll mich notfalls aufwecken, damit ich mein Abi nicht verschlafe. (Darüber witzelt ja schon ein Teil meiner Klassenkameraden seit geraumer Zeit.)
Habe glücklicherweise einen Platz direkt am Fenster bekommen. Somit konnte ich immer den Blätter zusehen, wie sie im Wind schaukelten. Habe nämlich zeitlich gesehen länger gegessen und getrunken als geschrieben. War ganz genau geplant. Da man erst eine Stunde vor Ende abgeben durfte – also um halb eins – wäre ich ewig lang ohne was zu tun herum gesessen. Deshalb immer schöne, lange Essenspausen gemacht.
Das Thema des Essays war gut, lautete „Mode und Identität“, habe ich dann auch genommen. Die restlichen Themen habe ich mir ehrlich gesagt nicht einmal angeschaut, war halt das Übliche: Kabale und Liebe und Effi Briest (Vergleich), Gedichtvergleich und -analyse, Erörterung mit Schwerpunkt Texterörterung, irgendwas Komisches, das ich nicht identifizieren konnte und eben der Essay.
Im Dossier für den Essay befanden sich ein Interview mit einem Sozialpsychologen, der erklärte, was für eine Funktion Kleidung hat und was sie über uns aussagt. Ein Artikel über große Modelabels wie Gucci und Burberry (oder so), die aus Image-Gründen darauf achten, wer ihre Klamotten trägt (da hat doch tatsächlich der damalige Kreativdirektor von Gucci Tom Ford Victoria Beckham verbieten wollen, Gucci zu tragen, weil das schlecht fürs Image von Gucci sei). Irgendwas über den „Visual Kei“-Trend und eine Statistik, wie wichtig Klamotten/Marken für Jugendliche sind und so.
Ob’s nun gut oder schlecht wird, weiß ich nicht, das kann ich bei so Freitexten nie sagen. Was ich weiß: ich gehe jetzt erstmal eine Runde schlafen. Gut Nacht!
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