Archiv der Kategorie Retrospektive

Ich mag Zahlen. Ich finde auch den Fakt cool, dass ich, wenn ich 75 Jahre alt bin, meinen Blog 57 Jahre haben werde. Das klingt irgendwie total verschwörerisch1, ich kann aber behaupten, dass ich mit achtzehn Besseres zu tun hatte, als mir komische Zahlen-Rätsel für die Zukunft auszudenken. Zum Beispiel das erste mal total legal schwänzen, bis ich dann Attest-Pflicht hatte.
Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr einen uralten Screenshot einer Seite findet? „Gottverdammt! Wie sah diese Seite damals aus – und ich war live dabei! (Und fand es auch noch gut.)“ Alte Screenshots anzuschauen ist ungefähr so wie alte Liebesbriefe lesen. Total gruselig und zeitzurückversetzend zugleich.
Lange Rede, kurzer Sinn. Ihr werdet Euch sicherlich fragen, was dieser Blogtitel, der wie eine Aktionswoche bei McDonald’s klingt, mit dem allem zu tun hat.
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Letztes Jahr war definitiv eines meiner Musik-Jahre schlechthin – viele neue Künstler entdeckt, acht größere Konzerte besucht und viele hunderte Songs gehört. Eigentlich gehört der Artikel längst ins alte Jahr, trotzdem möchte ich keinem die Top Ten, basierend auf meinen last.fm-Profil, meiner meist gehörtesten Künstler vorenthalten.
Platz 10 – Depeche Mode

Foto: Anirudh Koul
Gehört: 546 Mal. Lied des Jahres: John The Revelator. Empfehlung: Peace. Neuestes Album: Sounds of the Universe (2009). Konzert: Sonntag, 8. November 2009 in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle, Stuttgart.
Depeche Mode gehört definitiv zu den Bands, die absoluter Kult und einfach zeitlos sind. Meine erste Berührung mit der Band war mit der CD „The Singles 86–98“, die ich damals bei meinem Vater entdeckt habe – richtig reingehört habe ich mich im Jahr 2008. Nachdem klar war, dass Depeche Mode 2009 auf Tour gehen würde, und sogar nach Stuttgart kommen – hatte ich meine Karte quasi schon bestellt. Das Konzert war einfach absolut gigantisch und ein Erlebnis, das ich nur jedem Depeche-Mode-Fan weiterempfehlen kann.
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Manchmal gibt es Momente im Leben, an denen man an seine Grenzen stößt. Es widerfahren einem Dinge, die man noch nie erlebt hat, man erfährt Gefühle, von denen man nie wusste, dass es sie gibt.
Wahrscheinlich stößt jeder Mensch mal an diese Grenze, trotzdem kommt es mir vor, als ob sie schon alle Menschen vor mir erreicht haben, und genau wissen, was man in solchen Augenblicken zu tun hat.
Ich stecke jetzt schon lange in so einem Moment fest und finde nicht heraus. Ich weiß natürlich, was die Ratio mir sagt. Aber ich glaube, wenn ich jetzt durchhalte und meinem Bauchgefühl vertraue, dass am Ende das für mich herauskommt, was ich mir erhoffe und wünsche.
Es ist gewagt, sich hinzugeben, wenn man nicht weiß, was letztlich eigentlich passiert. Man fühlt sich rastlos, versucht Halt zu finden, geht tausend Wege, aber irgendwie kommt man nie an dem Ort vorbei, an dem man festhalten kann.
2009 war für mich ein Jahr der Selbstentdeckung, und ich habe in diesem Jahr mehr über mich gelernt, als ich es die ganzen Jahre davor tat. Ich habe viel riskiert, viel gewonnen, aber auch verloren. Ich kenne jetzt das Gefühl der Sehnsucht, des Schmerzes und der Ruhelosigkeit, aber auch das einzigartige Gefühl, jemanden zu kennen, ohne den man sich nicht komplett fühlt. Der auf einen vom Leben zugeschnitten wurde. Und dieses Gefühl überwiegt alles andere um ein Vielfaches.
Vielleicht werde ich eines Tages aus der Zukunft zurückblicken, und mich für diese Worte selbst belächeln. Für alles, das ich in Kauf genommen habe, um einen Geist zu jagen, den man nie fassen konnte. Vielleicht werde ich aber auch zurückblicken, und sagen, dass 2009 das beste aller meiner Jahre war.
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Seit ich meine leeren Klopapierrollen selber entsorgen muss, weiß ich, was ich an meiner WG hatte. Gut, ich muss gestehen, dass ich das Leben alleine hier unverhofft gut fertig bringe, aber eine gute Gesellschaft kann natürlich durch nichts ersetzt werden.
In den fast zwei Jahren in meiner WG in Untertürkheim in der Türkenstraße hatte ich insgesamt fünf Mitbewohner, die kommen und gingen. Da wäre zum Beispiel Mitbewohner S. Nun ja, Mitbewohner S. ist der Einzige, der konstant dort gewohnt hat, was wohl daran liegt, dass er der Bruder von demjenigen ist, dem eigentlich die schnieke Wohnung gehört hat.
Mitbewohner S. hat man prinzipiell nie bemerkt, abgesehen von den Bergen an Geschirr, die er in der Küche hinterlassen hat. Und manchmal, wenn er betrunken vom Wasen kam. Und manchmal, wenn er ganz plötzlich den totalen Putz-Wahn bekam, und die ganze Wohnung geschrubbt hat. Was in der Zeit, als ich dort war, genau zwei Mal vorkam.
Trotz allem war Mitbewohner S. wirklich ein sehr angenehmer Mensch, der mir zum Beispiel aufgemacht hat, wenn ich mich (mal wieder) ausgeschlossen habe. Ausschließen kann man sich nie genug, und weil das so ist, habe ich es ja auch inzwischen mal geschafft, und zwar nach ganzen sechs Tagen wohnen in der neuen Wohnung. Und einer halben Stunde vor meiner Einweihungsparty Teil Eins. Immerhin hab ich am Vortag den Ersatzschlüssel im Geschäft gelassen. Hiermit danke ich gleich mal offiziell meinem Kollegen M.
Mitbewohner F. war der erste Mitbewohner neben Mitbewohner S. Mitbewohner F. hatte die Angewohnheit, immer eine Zeit lang das Gleiche zu essen. Anfangs hatte er ein Faible für Reis, den er in allen möglichen Variationen zubereitete in unserer großen Wok-Pfanne, was ihm auch den Spitznamen „China-Mann“ einbrachte – die Pfanne durfte allerdings dann immer ich sauber schrubben. So einen richtigen Sinn für Sauberkeit hatte er nämlich auch nicht. Etwas später stieg er immerhin um auf Tiefkühlpizza. Und den Backofen kann in der Hinsicht eh keiner mehr retten.
Mitbewohner F. hat es geschafft, Spaghetti anbrennen zu lassen. Und Filet-Fisch. Das hat mich wirklich wahnsinnig tief beeindruckt. Er hat nämlich immer gekocht, während keiner in der Küche war. Kann ja nicht jeder. Dunstabzugshaube war auch kein Thema (Sauna!), und auf dem Herd konnte man danach Siedlungen aus Bakterien bauen. So Real-Life-Küchen-Anno-2009.
Mitbewohnerin P., Nachfolgerin von Mitbewohner F., hingehen hat es geschafft, nie eine leiseste Spur zu hinterlassen. Kommunikation war aus, und das Essen wurde in ihrem Zimmer vorbereitet. Vorzugsweise Auflauf. Da muss man nicht in der Küche stehen, weil man da vielleicht jemandem über den Weg laufen könnte. Abends hat sie dann immer alle am Telefon totgequatscht. Irgendwie muss man das ja kompensieren, kann ich schon verstehen.
Mitbewohnerin P. kam aus Dresden, und ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was sie in Stuttgart das halbe Jahr eigentlich gemacht hat. Jedenfalls hat sie morgens immer eine Stunde lang das Bad besetzt, weil sie sich ihre langen goldenen Engelshaare eingedreht hat. Deswegen stand ich morgens ständig unter Druck, weil ich immer vor ihr ins Bad musste. Scheiß Competition am Morgen.
Mitbewohnerin P. zog irgendwann auch aus, ohne dass ich es merkte, aber gewundert hat mich das ehrlich gesagt nicht wirklich.
Mitbewohnerin A. hingegen war das genau Gegenteil von Mitbewohnerin P. Aufgeschlossen, redselig und offen für alles, stellte sie mein Leben ein wenig auf den Kopf. Sie war die erste, mit der ich quasi eine soziale WG-Beziehung (!) führte. Sie war Vegetarierin und brachte mich dazu, etwas Gemüse und Salat zu essen. Manchmal fragte sie mich auch, ob man ihre Orangenhaut sehen konnte, wenn sie ihre Sporthose anhatte.
Sie legte sich zudem ständig mit Mitbewohner S. an, weil sie ihn „eklig“ fand. Einmal stellte sie seinen Topf mit Fischstäbchen und Kartoffelbrei auf den Balkon, weil er schon ewig unaufgeräumt auf dem Herd vor sich hingammelte. Da schien dann schön die Sonne drauf. Was dann passierte, könnt ihr Euch ausmalen. Ich war jedenfalls das Opfer.
Das Ende vom Lied war, dass sie einfach die letzte Miete nicht überwies, weil „sie das gar nicht einsah“. Und ich glaube, Mitbewohner S. hat das nicht mal gestört, immerhin hatte er von da an seine Ruhe.
Und zu guter letzt gibt es da Mitbewohner U. Ich habe es immer bereut, dass er nicht die ganze Zeit mit uns zusammengewohnt hat, weil er einfach ein cooler Typ ist. Außerdem liest er meinen Blog, deswegen muss ich das auch schreiben. Mitbewohner U. mag deutschen Hip Hop und redet gerne und öfter mal in Anglizismen. Gestern hat er meine Geburtstagsparty vorbereitet, die ich in der WG „feiern“ wollte – hat Party-Musik rausgesucht, Pommes im Ofen gemacht, und dann „kamen gar keine Leute“, nur ich. Pommes haben wir trotzdem für mindestens zehn Personen gegessen und fünf Folgen LOST geschaut.
Was ich in den letzten Monaten herausgefunden habe, ist, dass Mitbewohner U. noch weniger vielfältig isst als ich, und Ketchup so ziemlich auf allem präferiert. Er steht nicht wirklich auf Gemüse, und sagt dann schon mal beim Einkaufen, dass man nur Lauch kaufe, „damit man was Grünes im Essen habe“. Er isst gerne Fertig-Zeug und ist mit Sicherheit schon total mit Glutamat vergiftet.
Ich hoffe, dass Mitbewohner U. seine Diplomarbeit, nach seinem halbjährigen Praktikum in Stuttgart, schreibt, dann bleibt er mir noch etwas erhalten.
Alles in allem hatte ich eine schöne Zeit in der WG. Ok, die Zeit ohne Waschmaschine war echt doof. Und das Festnetz-Telefon hat auch nie funktioniert. Aber sonst kann ich mich nicht beschweren.
Gedenktag des Tages: Internationaler Tag der Berge.
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Retrospektive: Ode an meine Ex-Mitbewohner
11. Dezember 2009 um 00:59 Uhr

Das ist die Aussicht aus meinem Badfenster in meiner neuen Wohnung. Links die Mercedes-Benz-Arena, geradeaus der Fernsehturm und rechts der Stuttgarter Kessel. Was braucht man mehr?1 Ich denke, dass ich jetzt alle total neidisch gemacht habe. Lasst Euch aber gesagt sein, dass ich in der näheren Umgebung kein Stück einkaufen kann.
Ich wohne nämlich quasi in der Pampa von Stuttgart-Bad Cannstatt – hier würde ich als glücklich verheiratete Mutter meine Kinder großziehen, definitiv. So schön ländlich, und so grün. Dafür muss ich aber acht Minuten bis zur Bahn laufen, um mal in die Stadt fahren zu können. Das nenne ich mal von der Außenwelt abgeschnitten. Wenn’s schneit, muss man mit Sicherheit unser Haus ausbuddeln. Und das wird zu dem Zeitpunkt sein, an dem ich Kehrwoche habe, das ist schon mal klar.
Mit mir wohnen hier noch zwei Omas und ein Musiker. Die eine Oma schließt um halb acht immer die Haustüre ab. Abends um die Zeit verlässt man schließlich nicht mehr das Haus. Da muss für Sicherheit gesorgt werden. Deswegen lässt sie gerne mal nachmittags den Schlüssel von außen in ihrem Schloss zur Wohnung stecken. Wer also mal eine Oma überfallen möchte, ist um die Nachmittagszeit hier am besten dran. Da ist die Haustür noch leichter zu knacken.
Die andere Oma ist vierundneunzig und „geht noch jede Woche zum Friseur“. Und ich solle doch ruhig auch mal eine Party machen, muss da auch nicht Bescheid geben, so wegen Lautstärke und fummelnden Leuten im Treppenhaus. Schließlich wohnt sie hier schon seit vierzig Jahren und hat allerlei miterlebt. Außerdem hat sie das gleiche Sternzeichen wie ich, das haben wir neulich mal festgestellt. Wir sind quasi seelenverwandt und gleichzeitig siebzig Jahre auseinander. Das ist verdammt gruselig.
Und meinen Nachbar hier nebenan, den hab ich schon gegoogelt. Und das war auch das erste, das ich ihm brühwarm erzählt habe. Nicht schwer bei einem ungarischen Namen. Er hat mich sicherlich auch schon gegoogelt. Nur, dass ich mit den Google-Ergebnissen keine Musik-Stipendien vorweisen kann, sondern ausschließlich gefährliches Halbwissen.
Bin in den letzten drei Jahren oft genug umgezogen. Jetzt reicht es mal. Aller guten Dinge sind drei. Jetzt kann ich drei Kreuze machen. Ewig und drei Tage. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Ich brauche unbedingt ein Sprichwörter-Lexikon.
Gedenktag des Tages: Barbaratag.
- Dosenöffner, Rührlöffel, Pürierstab, Geschirrtücher, Wäschekorb, Toaster, Vorhänge, Mikrowelle/Mini-Ofen, Friteuse, Staubsauger. Deko. ↩
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