11. Dezember 2009

Retrospektive: Ode an meine Ex-Mitbewohner

Seit ich meine leeren Klopapierrollen selber entsorgen muss, weiß ich, was ich an meiner WG hatte. Gut, ich muss gestehen, dass ich das Leben alleine hier unverhofft gut fertig bringe, aber eine gute Gesellschaft kann natürlich durch nichts ersetzt werden.

In den fast zwei Jahren in meiner WG in Untertürkheim in der Türkenstraße hatte ich insgesamt fünf Mitbewohner, die kommen und gingen. Da wäre zum Beispiel Mitbewohner S. Nun ja, Mitbewohner S. ist der Einzige, der konstant dort gewohnt hat, was wohl daran liegt, dass er der Bruder von demjenigen ist, dem eigentlich die schnieke Wohnung gehört hat.
Mitbewohner S. hat man prinzipiell nie bemerkt, abgesehen von den Bergen an Geschirr, die er in der Küche hinterlassen hat. Und manchmal, wenn er betrunken vom Wasen kam. Und manchmal, wenn er ganz plötzlich den totalen Putz-Wahn bekam, und die ganze Wohnung geschrubbt hat. Was in der Zeit, als ich dort war, genau zwei Mal vorkam.
Trotz allem war Mitbewohner S. wirklich ein sehr angenehmer Mensch, der mir zum Beispiel aufgemacht hat, wenn ich mich (mal wieder) ausgeschlossen habe. Ausschließen kann man sich nie genug, und weil das so ist, habe ich es ja auch inzwischen mal geschafft, und zwar nach ganzen sechs Tagen wohnen in der neuen Wohnung. Und einer halben Stunde vor meiner Einweihungsparty Teil Eins. Immerhin hab ich am Vortag den Ersatzschlüssel im Geschäft gelassen. Hiermit danke ich gleich mal offiziell meinem Kollegen M.

Mitbewohner F. war der erste Mitbewohner neben Mitbewohner S. Mitbewohner F. hatte die Angewohnheit, immer eine Zeit lang das Gleiche zu essen. Anfangs hatte er ein Faible für Reis, den er in allen möglichen Variationen zubereitete in unserer großen Wok-Pfanne, was ihm auch den Spitznamen „China-Mann“ einbrachte – die Pfanne durfte allerdings dann immer ich sauber schrubben. So einen richtigen Sinn für Sauberkeit hatte er nämlich auch nicht. Etwas später stieg er immerhin um auf Tiefkühlpizza. Und den Backofen kann in der Hinsicht eh keiner mehr retten.
Mitbewohner F. hat es geschafft, Spaghetti anbrennen zu lassen. Und Filet-Fisch. Das hat mich wirklich wahnsinnig tief beeindruckt. Er hat nämlich immer gekocht, während keiner in der Küche war. Kann ja nicht jeder. Dunstabzugshaube war auch kein Thema (Sauna!), und auf dem Herd konnte man danach Siedlungen aus Bakterien bauen. So Real-Life-Küchen-Anno-2009.

Mitbewohnerin P., Nachfolgerin von Mitbewohner F., hingehen hat es geschafft, nie eine leiseste Spur zu hinterlassen. Kommunikation war aus, und das Essen wurde in ihrem Zimmer vorbereitet. Vorzugsweise Auflauf. Da muss man nicht in der Küche stehen, weil man da vielleicht jemandem über den Weg laufen könnte. Abends hat sie dann immer alle am Telefon totgequatscht. Irgendwie muss man das ja kompensieren, kann ich schon verstehen.
Mitbewohnerin P. kam aus Dresden, und ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was sie in Stuttgart das halbe Jahr eigentlich gemacht hat. Jedenfalls hat sie morgens immer eine Stunde lang das Bad besetzt, weil sie sich ihre langen goldenen Engelshaare eingedreht hat. Deswegen stand ich morgens ständig unter Druck, weil ich immer vor ihr ins Bad musste. Scheiß Competition am Morgen.
Mitbewohnerin P. zog irgendwann auch aus, ohne dass ich es merkte, aber gewundert hat mich das ehrlich gesagt nicht wirklich.

Mitbewohnerin A. hingegen war das genau Gegenteil von Mitbewohnerin P. Aufgeschlossen, redselig und offen für alles, stellte sie mein Leben ein wenig auf den Kopf. Sie war die erste, mit der ich quasi eine soziale WG-Beziehung (!) führte. Sie war Vegetarierin und brachte mich dazu, etwas Gemüse und Salat zu essen. Manchmal fragte sie mich auch, ob man ihre Orangenhaut sehen konnte, wenn sie ihre Sporthose anhatte.
Sie legte sich zudem ständig mit Mitbewohner S. an, weil sie ihn „eklig“ fand. Einmal stellte sie seinen Topf mit Fischstäbchen und Kartoffelbrei auf den Balkon, weil er schon ewig unaufgeräumt auf dem Herd vor sich hingammelte. Da schien dann schön die Sonne drauf. Was dann passierte, könnt ihr Euch ausmalen. Ich war jedenfalls das Opfer.
Das Ende vom Lied war, dass sie einfach die letzte Miete nicht überwies, weil „sie das gar nicht einsah“. Und ich glaube, Mitbewohner S. hat das nicht mal gestört, immerhin hatte er von da an seine Ruhe.

Und zu guter letzt gibt es da Mitbewohner U. Ich habe es immer bereut, dass er nicht die ganze Zeit mit uns zusammengewohnt hat, weil er einfach ein cooler Typ ist. Außerdem liest er meinen Blog, deswegen muss ich das auch schreiben. Mitbewohner U. mag deutschen Hip Hop und redet gerne und öfter mal in Anglizismen. Gestern hat er meine Geburtstagsparty vorbereitet, die ich in der WG „feiern“ wollte – hat Party-Musik rausgesucht, Pommes im Ofen gemacht, und dann „kamen gar keine Leute“, nur ich. Pommes haben wir trotzdem für mindestens zehn Personen gegessen und fünf Folgen LOST geschaut.
Was ich in den letzten Monaten herausgefunden habe, ist, dass Mitbewohner U. noch weniger vielfältig isst als ich, und Ketchup so ziemlich auf allem präferiert. Er steht nicht wirklich auf Gemüse, und sagt dann schon mal beim Einkaufen, dass man nur Lauch kaufe, „damit man was Grünes im Essen habe“. Er isst gerne Fertig-Zeug und ist mit Sicherheit schon total mit Glutamat vergiftet.
Ich hoffe, dass Mitbewohner U. seine Diplomarbeit, nach seinem halbjährigen Praktikum in Stuttgart, schreibt, dann bleibt er mir noch etwas erhalten.

Alles in allem hatte ich eine schöne Zeit in der WG. Ok, die Zeit ohne Waschmaschine war echt doof. Und das Festnetz-Telefon hat auch nie funktioniert. Aber sonst kann ich mich nicht beschweren.

Gedenktag des Tages: Internationaler Tag der Berge.


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4. Dezember 2009

Panorama

Aussicht

Das ist die Aussicht aus meinem Badfenster in meiner neuen Wohnung. Links die Mercedes-Benz-Arena, geradeaus der Fernsehturm und rechts der Stuttgarter Kessel. Was braucht man mehr?1 Ich denke, dass ich jetzt alle total neidisch gemacht habe. Lasst Euch aber gesagt sein, dass ich in der näheren Umgebung kein Stück einkaufen kann.
Ich wohne nämlich quasi in der Pampa von Stuttgart-Bad Cannstatt – hier würde ich als glücklich verheiratete Mutter meine Kinder großziehen, definitiv. So schön ländlich, und so grün. Dafür muss ich aber acht Minuten bis zur Bahn laufen, um mal in die Stadt fahren zu können. Das nenne ich mal von der Außenwelt abgeschnitten. Wenn’s schneit, muss man mit Sicherheit unser Haus ausbuddeln. Und das wird zu dem Zeitpunkt sein, an dem ich Kehrwoche habe, das ist schon mal klar.

Mit mir wohnen hier noch zwei Omas und ein Musiker. Die eine Oma schließt um halb acht immer die Haustüre ab. Abends um die Zeit verlässt man schließlich nicht mehr das Haus. Da muss für Sicherheit gesorgt werden. Deswegen lässt sie gerne mal nachmittags den Schlüssel von außen in ihrem Schloss zur Wohnung stecken. Wer also mal eine Oma überfallen möchte, ist um die Nachmittagszeit hier am besten dran. Da ist die Haustür noch leichter zu knacken.
Die andere Oma ist vierundneunzig und „geht noch jede Woche zum Friseur“. Und ich solle doch ruhig auch mal eine Party machen, muss da auch nicht Bescheid geben, so wegen Lautstärke und fummelnden Leuten im Treppenhaus. Schließlich wohnt sie hier schon seit vierzig Jahren und hat allerlei miterlebt. Außerdem hat sie das gleiche Sternzeichen wie ich, das haben wir neulich mal festgestellt. Wir sind quasi seelenverwandt und gleichzeitig siebzig Jahre auseinander. Das ist verdammt gruselig.
Und meinen Nachbar hier nebenan, den hab ich schon gegoogelt. Und das war auch das erste, das ich ihm brühwarm erzählt habe. Nicht schwer bei einem ungarischen Namen. Er hat mich sicherlich auch schon gegoogelt. Nur, dass ich mit den Google-Ergebnissen keine Musik-Stipendien vorweisen kann, sondern ausschließlich gefährliches Halbwissen.

Bin in den letzten drei Jahren oft genug umgezogen. Jetzt reicht es mal. Aller guten Dinge sind drei. Jetzt kann ich drei Kreuze machen. Ewig und drei Tage. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Ich brauche unbedingt ein Sprichwörter-Lexikon.

Gedenktag des Tages: Barbaratag.


  1. Dosenöffner, Rührlöffel, Pürierstab, Geschirrtücher, Wäschekorb, Toaster, Vorhänge, Mikrowelle/Mini-Ofen, Friteuse, Staubsauger. Deko.

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26. Oktober 2009

Wer hat’s erfunden?

Aua

hier seht ihr, wie ich in dominanter Pose unseren Hund bedrohe, der sich freut, weil sich jemand um ihn kümmert. Ach, armer Snoopy.

Dabei hatte er das Wochenende so viel zu tun, wir hatten nämlich Gäste aus der Schweiz („od‘r?“), weil der Musikverein aus dem Dorf eine Art Freundschaft mit einer schweizer Kapelle pflegt („od‘r?“). Und weil mein Vater eben auch Mitglied vom Musikverein aus dem Dorf ist, kam das so zustande („od‘r?“). Die hatten sogar jemanden in der Kapelle, der eine Fahne hält („od‘r?“). Die ganze Zeit (ok, irgendwann saß er eben da, aber mit Fahne!) – dass dem der Arm nicht abgefallen ist („od‘r?“)!1

Ich habe übrigens zwei Euro verloren, als ich wettete, dass meine Schwester nicht zu einem der Schweizer gehen würde und fragen: „Wer hat’s erfunden?“ Na ja, sie hat es trotzdem gemacht, und ich musste mir das Geld leihen, um es ihr zu geben. Ich war nämlich bis dato restlos pleite.

Am Ende des Abends konnte sie den schweizer Akzent besser als so mancher Schweizer.

… weiter ins All!


  1. Die Schweizer hängen übrigens, falls ihr es noch nicht wusstet, nach jedem Satz ein „od‘r?“ hinzu.

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20. Oktober 2009

Home, sweet home

Da mir am Wochenende ziemlich langweilig war, und ich auch schon in dreieinhalb Monaten ausziehen muss, habe ich beschlossen, am Samstag mal ein bisschen nach Wohnungen in Stuttgart im Internet zu schauen. (Was übrigens saublöd ist, weil bei den meisten Anbietern immer Provision mitgezahlt werden muss.) Ich habe jetzt eine kleine gefunden, die ich mir gestern angeschaut habe.

Sie liegt sehr zentral und direkt am Tengelmann – hab mich dann gefreut wie Bolle, dass ich Getränke gleich „nebenan“ holen kann und schnell in der Wohnung habe. Dieses Glück verflog aber, als ich die sechs Stockwerke nach oben gegangen bin. Ich brauch da ja alleine schon fünf Minuten, um hochzukommen. Es sind übrigens vierundachtzig Stufen, sagte die Mieterin, die noch in der Wohnung wohnt.

Das Gute an der Wohnung: die Lage, die Kosten, dass die Möbel schon drin sind (gut erhalten vor allem), ich gleich Anschluss an alle wichtigen öffentlichen Verkehrsmittel habe, „schnell“ daheim bin und doppelt so schnell im Geschäft wie jetzt. Das Schlechte: keinen Stauraum, keine Spülmaschine, es ist halt „Stadt“, keine Waschmaschine und kein Anschluss dafür, ach ja, ganz wichtig, keinen Backofen (!). Aber dieses Trauma habe ich schon verarbeitet, als ich Sonntagabend in das Zimmer meines neuen Mitbewohners U. gestürmt bin – der sich gerade Popcorn und ’nen Film reingezogen hatte – und ihm mein Leid geklagt habe.

Jenny: „Sag mal, U., ich hab mir was ganz Schlimmes überlegt.“
Mitbewohner U.: oO
Jenny: „Was ist, wenn die Wohnung morgen keinen Ofen hat?“
Mitbewohner U.: „Das wäre natürlich sehr fatal!“
Jenny: „Ja, ich kann keine Pommes mehr machen.“
Mitbewohner U.: „Stimmt.“
Jenny: „Und Du hattest doch mal so einen Mini-Ofen.“
Mitbewohner U.: „Ja, aber den hab ich leider schon vergeben.“
Jenny: „Ich wollte den auch nicht … aber, wenn ich jetzt keinen richtigen Ofen hätte, würde ich mir so was anschaffen, kann der Pommes?“
Mitbewohner U.: „Also, kann er schon … aber die sind dann unglaublich lätschig.“
Jenny: :no:
Mitbewohner U.: „Popcorn?“

Na ja, die jetzige Mieterin würde sogar ihren Mini-Ofen dalassen. (Dafür würde ich ihr die Schlager-CD schenken, die ich seit dem 22. August 2007 schon jemandem andrehen will.) Da könnte man Versuche starten, ob das nun geht oder nicht. Jetzt muss mich nur noch die Vermieterin selbst mögen, deswegen werde ich mir beim nächsten Mal einfach meine ungebügelte Bluse anziehen – sie wird mich bestimmt googeln lieben.

Gedenktag des Tages: Welt-Osteoporosetag.


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8. Oktober 2009

Hallo, Laktoseintoleranz.

Seit neuestem gehöre ich zu den fünfzehn bis fünfundzwanzig Prozent der Menschen in Deutschland, die keinen Milchzucker vertragen. Damit gehöre ich jetzt zur Randgruppe und weine bitterlich.

Bis hin zur Diagnose und Feststellung war es ein weiter Weg, denn die Ärzte, die ich hier in der Heimat aufgesucht habe, waren alles andere als kompetent. Als ich als erstes zu meinem Hausarzt bin, ihm erzählt habe, ich hätte Magenbeschwerden, und er mir darauf alle möglichen Magen-Krankheiten aufgezählt hat, habe ich einfach mal selbst die Initiative ergriffen und gemeint, es könnte ja Laktoseintoleranz sein. Zwei meiner Geschwister leiden auch daran, daher lag es jetzt nicht so fern, mal nachzufragen. Ich wurde daraufhin hin zum Internisten überwiesen.
Dort las er einfach auf der Überweisung den Verweis auf die Laktoseintoleranz, fragte nicht weiter nach Beschwerden, Essgewohnheiten oder sonstiges, sondern ließ einfach den Test machen. Also mal abgesehen davon, dass der Test jetzt positiv ist, hätte ich ja alles haben können. Wozu gehe ich eigentlich zum Arzt? Heute Morgen war ich noch mal dort zur Nachbesprechung, und er konnte mir weder beantworten, wie stark das jetzt bei mir ausgeprägt ist noch wie viele Tabletten ich denn von den Lactrase-Tablettennehmen müsste, falls ich mal ein Stück Käse essen wollte. Abgesehen davon glaube ich kaum, dass mir ein Arzt dazu raten würde, komplett auf Milchprodukte zu verzichten. Gibt ja heute allerlei laktosefreie Produkte und Zeug, mit denen man den Verzicht umgehen kann.

Na ja, immerhin wurde es jetzt festgestellt, und ich weiß, was der Grund meiner Magenbeschwerden war. Seitdem ich darauf verzichte oder die Lactrase-Tabletten nehme, geht es echt gut. Ist natürlich ein Stück mehr Lebensqualität.


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