Aus Kindertagen
Das hier habe ich gefunden, als ich gerade meine Wäsche einsammelte, um sie zu waschen. Das Bild hing auch ursprünglich mal an der Wand. An der Wand, an der meine zu waschende Wäsche liegt. Kein guter Platz irgendwie. Ich erinnere mich noch dunkel daran, dass ich einen Pullover Richtung diese Wand geworfen habe, in der Hoffnung, er möge auf der andere Wäsche landen. Tat er letztendlich auch, aber irgendwie hat er das Foto mit hinunter gerissen.
Das Foto wurde damals im Kindergarten aufgenommen, das war im Jahre 1990. Da war ich viereinhalb Jahre alt. Und ich hatte mein Lieblingskleid an, das mir meine Mutter genäht hatte.
Retrospektive
Würfel, Indianer und Gelächter
Heute wurde ich von Romy beziehungsweise von Romys Mutter Renate zum Essen eingeladen. Da es aber mit dem Essen sehr spät wurde, reichte es nicht mehr für die extended edition (214 Minuten) des zweiten Herr der Ringe-Teiles (den wir ursprünglich anschauen wollten), schließlich gab es ja Leute, die am nächsten Tag arbeiten müssen.
Und so ergab es sich, dass wir Mensch ärgere Dich nicht spielten, mit Lars‘ ‚Spezialregeln‘. Ich sage Euch was: Nach einem Spieleabend mit Lars, Romy und Renate braucht man keine Drogen mehr!
Erstmal wurden ungefähr zwanzig Würfel ausgepackt. Dann wurde jeder Würfel auch ganz ausgiebig untersucht, ob er denn der ‚richtige Würfel‘ sei. Da wurde gewürfelt, untersucht, abgetastet und gerieben. Und war da erstmal der richtige Würfel gefunden, durfte den auch kein anderer anfassen, denn sonst verliert er ja seine Wirksamkeit. Ich habe mich ja insgeheim gefragt, ob die irgendwo einen überdimensional großen Würfel versteckt haben, den sie jeden Sonntag um zwölf anbeten.:roll:
Ja, und wie das halt so ist (?), wird dann eine besondere Verbindung zum Würfel aufgebaut, um ihn beeinflussen zu können. Renate beispielsweise hatte immer die Zahl gerieben, die sie würfeln wollte, und wehe, man hat sie dabei gestört. „Hör‘ auf, meinen Würfel zu beeinflussen. Ich versuche eine telepathische Verbindung zwischen mir und dem Würfel aufzubauen!“ Irgendwie hat sie aber trotzdem immer Sechsen gewürfelt, ob sie nun wollte oder nicht.
Romy hat am Ende dann irgendwelche komischen indianischen Tänze vollführt. Näher möchte ich das jetzt nicht ausführen. (!)
Ich habe mir ja einfach den hübschesten Würfel herausgesucht. Aber so wie ich das mitbekommen habe, muss man auch an seinen Würfel glauben, sonst würfelt man nichts Gutes. Zumindest sagte das Renate immer wieder zu Lars, wenn er verzweifelt versuchte, eine Sechs zu würfeln, um aus seinem ‚Loch‘ zu kommen. „Lars, Du musst das so wie ich machen. Du musst an Deinen Würfel glauben! Ich habe das von Anfang an gemacht. Ich habe an meinen Würfel geglaubt. Und siehst Du, es klappt! … Und Romy, wehe Du fasst meinen Würfel an!“
Renate hat somit auch die erste Runde gewonnen. Die Cheaterin. Der Glaube hat wohl geholfen. In der zweiten Runde wurde das alles noch lustiger. Irgendwie kamen wir über Lars‘ rote Spielfiguren auf Indianer, und letzten Endes haben wir uns dann irgendwelche perversen Indianernamen gegeben. Da hieß es dann nicht mehr: „Romy, würfel‘ mal!“ sondern „Squaw, alde Socke, würfel‘ endlich!“ „Ja, laufende Pommes, ich mache mich ja schon auf den Weg.“ Romys Mutter hat dann letztendlich doch noch Wein geholt zum Spiel. Schließlich „könne man uns nur mit Alkohol ertragen.“ Ich persönlich fühlte mich ja schon ohne jeglichen Alkohol total beschwippst.
Irgendwie habe ich am Ende gar nicht mehr mitbekommen, wer mich mal beschissen hat oder nicht, oder wann ich dran war mit würfeln, weil ich mehr beschäftigt war, mir die Lachtränen aus dem Gesicht zu wischen. Ich kann nur sagen, dass ein Spieleabend bei Romy empfehlenswert ist. Wenn die Familie anfängt zu spielen, werden alle richtig komisch. Das ist bestimmt der Einfluss des großen Würfels, gut versteckt im Keller.
Gebt’s doch zu!
Retrospektive
Ouauaha … Mein Kopf!
Gestern sind mein Vater und ich noch in den Edeka gegangen um einzukaufen für den nächsten Tag. Nebenbei hat sich mein Vater gedacht, er nimmt noch allerelei Süßes mit für die Kiddies, die eventuell vorbeikommen und was wollen. „Schließlich ist das ja auch nur einmal im Jahr, und die freuen sich dann.“ Für zwanzig Euro hatten wir jetzt also Süßigkeiten gekauft. Mir wäre es lieber gewesen, wir hätten mehr zu Essen für den nächsten Tag eingekauft, als so viele Süßigkeiten.
Mein Vater hatte auch schon den Plan, dass wenn die Süßigkeiten alle sind, wir einfach den Hund vor die Tür leinen. Dann können uns die Kiddies erst gar nicht mit ‚Saurem‘ drohen. Denn wenn der Hund draußen vor der Tür hockt, traut sich nämlich irgendwie keiner mehr zu uns an die Tür heran. Der Briefträger und die Reklame-Austeiler stehen meist vor der Einfahrt und ringen mit sich selbst, ob sie nun zum Briefkasten laufen sollen oder nicht. Meist werfen die dann die Post und die Reklame einfach in die Einfahrt und gehen dann langsam wieder rückwärts vom Grundstück. (Kann man alles immer toll von der Küche aus beobachten.)
Irgendwann kamen auch schon die ersten Kinder. Die ersten und die letzten. Der eine kleine Junge, schätzungsweise sechs Jahre alt, hatte ein Vampirkostüm an, und der andere eine riesige Monstermaske. Auf der Monstermaske stand in orangenen Lettern ganz groß R.I.P., das hat mir schon etwas Angst gemacht. Ich meine, mir laufen nicht dauernd irgendwelche Gestalten über den Weg, die mir wünschen, ich möge doch in Frieden ruhen.
Mein Vater hat den zwei Jungs gleich fast unsere ganzen Süßigkeiten vermacht. Hätte ich gewusst, dass das die einzigen Kiddies sind an dem Abend, hätte ich nicht gesagt „Papa, tu‘ denen nicht alles in die Tüte!“ sondern „Ja, hau‘ rein!“
Unsere Halloween-Extreme-Gammel-Sauf-Party war auch was. Romy ist gestern noch vorbei gekommen und wir dachten uns, dass wir auch mal nach unten zur tollen Party gehen. War am Anfang auch ganz lustig, aber am Ende war mir das Geschwätz von pubertierenden sechzehnjährigen Jungs echt zu komisch doof.
Mein Zimmer musste ich auch beschützen. Mich hat immer wieder einer aufgesucht, um zu überprüfen, ob ich denn nun Pornos auf dem PC hätte. Irgendwann war’s mir aber echt zu doof, und ich habe zu meinem Bruder gesagt, er möge mir den bitte vom Hals halten.
Ich hätte gerne wieder ein Schloss an der Tür. Man hätte sie nicht so oft einschlagen dürfen, dass man nun keines mehr am Türrahmen befestigen kann. Hmpf.
Ich habe auch extra meinen PC die Nacht angelassen, damit der Lärm vom Keller übertönt wird. Und somit bin ich irgendwann friedlich gegen halb vier Uhr morgens eingeschlafen.
Retrospektive
Letzter Ferientag
Da heute der letzte Schultag Ferientag für mich ist, werde ich heute den ganzen Tag nur noch essen und schlafen, mir sagen, dass ich trotz allem (?) ja viel geleistet habe (??), und deshalb kein schlechtes Gewissen haben muss (???), eben nichts getan zu haben (hä?).
Ich habe mein Zimmer aufgeräumt, meine komplette Wäsche (plus Bettwäsche) gewaschen und aufgehängt, mir neue Kontaktlinsen gekauft (zwar nur für das eine Auge, aber egal), eine neue Jacke für den Winter, nicht zu vergessen meine neue Schultasche plus meine neuen Schulsachen, meinen Essay geschrieben und den Rasen gemäht.
Und das alles habe ich jetzt in zwei Sätze untergebracht – phänomenal.
Retrospektive, Schule
Wir können alles. Außer Hochdeutsch.
Als ich klein war, machte ich mir nie irgendwelche Gedanken über unsere Dialekt. Für mich war es normal, schwäbisch zu reden, und die ‚im Fernsehen‘ waren diejenigen, die doch absolut nicht richtig sprechen konnten. Überhaupt klang ‚unsere Sprache‘ doch viel schöner als dieses ‚eingebildete Hochdeutsch‘.
Wenn man dann in die Schule kommt, wird man dann förmlich desillusioniert. „Ihr seid jetzt in der Schule, und da lernt ihr richtiges Deutsch.“
Da heißt es nicht mehr ‚dem Papa sein Fuß‘ sondern ‚der Fuß des Vaters‘ – und der Fuß war auch nicht mehr das, was er einmal war, denn der hieß ab sofort ‚Bein‘. Auch die bösen Dinger, die mich nachts im Sommer stachen, waren ‚Stechmücken‘, und keine ‚Schnacken‘. Und ‚Mucken‘ waren ‚Stubenfliegen‘.
Auch das mit den Zeiten war seltsam, ich verstand damals nicht, warum ich nicht mehr „ich habe das gemacht gehabt“ sagen durfte und stattdessen nun belehrt wurde, dass es „ich hatte das gemacht“ hieß.
Ja, die Umstellung der ‚Sprache‘ ist schon nicht ganz leicht für uns schwäbischen Kinder gewesen. Viele verfielen vor Verwirrung oft ins ‚Schwäbisch-Deutsch‘ und das klang noch schlimmer, als das Urschwäbisch selbst. Auch viele Lehrer hatten es auch bestimmt nicht leicht mit uns gehabt. Schließlich gab es auch einige trotzige Kinder, die voller Wut ihren Dialekt verteidigten und behaupteten: „Des hoißt net ‚Fliegenklatsche‘ des hoißt ‚Muggabatschor‘!„
Aber im Großen und Ganzen gabe es doch schon einiges, was sich sprachlich gelohnt hat, zu ‚verlernen‘.
Denn wenn man auch vieles ausrotten konnte, es gibt bis heute noch etwas, das viele Schwaben nie verlernen werden. Das fiel mir auf, als ich letztens einen Schwaben im Fernsehen reden hörte.
Es gibt da bestimmte zwei Wörtchen. Und immer, wenn diese zwei Wörtchen fallen, erleide ich physische und psychische Schmerzen, weil sich das doch selbst in meinen Ohren grauenhaft anhört. Der Übeltäter heißt der wo.
Der wo tritt überall bei uns auf, in der Definitionen verlangt werden. Und das passiert in meinem Klassenzimmer recht oft. Der wo hat so oft seinen Auftritt, dass es meine Deutschlehrerin schon aufgegeben hat, vom der wo-betroffene Schüler die ganze Zeit zu korrigieren. Der wo will berühmt werden. Der wo will gelesen werden. Und deshalb schmuggelt er sich immer wieder in die Köpfe und in das Geschriebene. Der wo ist irgendwie einfach unausrottbar.
Es gibt deshalb einen Wunsch, den ich schon länger hege:
Der Mensch, der wo das erfunden hat, mit dem würde ich gerne mal ein ernstes Wörtchen reden. Ja. Und damit die Welt verbessern.
Retrospektive, Tagtägliches