Am Samstag bin ich mal wieder zurück in die Heimat gefahren, weil in meinem kleinen Heimatdörfchen eine Sonnwendfeier stattfand, wie in den ganzen anderen Dörfchen drumherum wohl auch. Das ist jetzt das dritte Wochenende mit irgendeiner Festlichkeit – aber wie irgendwer kürzlich zu mir sagte … „in ’nem Dorf kann man ja nichts anderes machen außer sich betrinken“. Seh ich zwar nicht so, aber …
… das könnte man glatt so sehen, wenn man die Verkündung der Tombola-Preise mitbekommen hat:
- Platz 5: Zwei Flaschen Wein.
- Platz 4: Eine Flasche Ramazotti.
- Platz 3: Fünf Liter Bier.
- Platz 2: Zehn Liter Bier.
- Platz 1: Eine Ballonfahrt.
Das ist wahrscheinlich die einzige Tombola, in der man als Dörfler nicht den ersten Preis haben will.
Sonst kann ich echt nur sagen, dass man auf dem Lande echt total anspruchslos ist. Ich meine, man stellt ein Zelt auf eine Wiese, verkauft Bier und Essen und die Menschen sind glücklich!
Und nachher setzt man sich mit seinen Freunden vors Feuer, und stellt fest, dass fast neunzig Prozent der Anwesenden von sechs bis zehn siebzehn bis zweiundzwanzig Jahren Pokémon für das beste Game-Boy-Spiel halten (und das vor Tetris!) und man Freunde, die eigentlich schon längst daheim im Bett waren, wieder aufs Fest zurückholen kann, wenn man ihnen verspricht, eine Flasche Bier auszugeben.
Und Bier gab’s ja genug und relativ günstig.
Und das Wegsaufen von Gehirnzellen wird einem dann vom Biertrinker auch ganz rational und in zehn Minuten erklärt, weil man ja auch zwischendrin mal vergessen kann, was man eigentlich genau sagen wollte: „Wenn ein Löwe hinter einer Antilopenherde her ist, reißt er nur die Alten und Schwachen. Und so ist das mit der Zerstörung der Gehirnzellen auch. Erst werden die alten und schwachen Zellen abgetötet.“ Na dann, Prost!
Ich habe mich persönlich ja mit ’ner Cola und drei Portionen Pommes in den acht Stunden begnügt. Fand’s nur doof, dass es ab zwei Uhr morgens keine Pommes mehr gab. Aber man kann ja auch nicht alles haben.
Lauf heute also zur Post um meinen Brief in den Briefkasten werfen, und stelle am Briefkasten fest, dass ich den Brief gar nicht mitgenommen habe.
Ich war gerade in Stuttgart. War ja richtig was los. Lustige Polizisten auf Pferden, lustige Menschen mit Schlagstock an der Hose – links die türkischen Fans, rechts die kroatischen.
Und dann – nach dem Sieg – ging’s los.
Ich hab noch nie so viele Türken auf einem Haufen gesehen, mein lieber Scholli. Da war was los. Bemerkenswert fand ich auch das Auto mit halb auf dem Dach sitzendem Mensch mit umgebundener Deutschland-Fahne zwischen all den türkischen Fans mit türkischer Fahne.
Ich war gestern genau dreizehn Minuten am Hauptbahnhof. In den dreizehn Minuten haben die Deutschen zwei Tore geschossen. Kurz nachdem ich ankam, und kurz bevor ich wieder wegfuhr.
Irrer Zufall. Ich sollte da beim nächsten Spiel noch mal kurz vorbeischauen. Ich bin ja jetzt quasi der Glücksbringer der Nation.
Da ich die Ehre hatte, eine Karte für das heutige Kiss-Konzert zu bekommen, habe ich mich in mein rotes Kiss-mit-Original-“Nazi“-Logo-Shirt, meine rote Hose und Schuhe geworfen, um mich mit den schwarzen Rockern vor der Schleyer-Halle in Stuttgart zu identifizieren.
Sehr bemerkenswert fand ich auch, dass viele Fans sich aus Liebe zur Band ihre Motörhead-, Manowar- oder (uh!) Lenny-Kravitz-Shirts angezogen haben. Das ist wahre Verbundenheit.
Gegen acht Uhr ging es also los. Eine starke Vorgruppe, die Masse jubelte. Nicht. Und dann … alles dunkel … der Sprecher … die Masse tobt! Eine der erfolgreichsten Bands kommt auf die Bühne und geht ab wie Schnitzel! Da hat’s gefetzt und gebummst, gebrannt und gefunkt. Das war mein Marianne-Rosenberg-Konzert damals mit zehn ein Scheißdreck dagegen!
Aber nun mal wieder ernst werden.
Da das eigentlich nicht meine gewohnt Musik war/ist, konnte ich natürlich auch fast keines der Lieder mitsingen. Ich habe anstatt der ganzen Songtexte einfach mal das „Lorem ipsum …“ auswendig gelernt und das quasi als Lückenfüller benutzt. Obwohl man die Refrains der Songs eigentlich weniger Sekunden raushatte, weil sie sich immer irgendwie wiederholt hatten.
Und obwohl ich nie etwas mit dieser Band zu tun hatte, und nur den Standard-Klassiker („I was made …“ – ihr wisst schon) mitsingen konnte, hat sich das Konzert allein schon wegen der ganzen Soli gelohnt, die die Band hingelegt hat. Als der Drummer (Wikipedia hilft: Peter Criss) mal eben zehn Minuten auf seinem Schlagzeug herumgetrommelt hatte, dachte ich, er explodiert gleich und ihn zerfetzt’s in zig kleine Stückchen und … Aber das Schlimmste und Blutigste war tatsächlich nur diese Pseudo-Blutspuckerei des Bassisten Gene Simmons, der sich schon die zwei Stunden davor mit seiner langen Zunge das ganze Kinn vollgesabbert hat, und die Schminke quasi um den Bereich völlig umsonst war.
Und jedes Mal wenn die kreischenden Fans ihre Arme hoben um zu jubeln, freute ich mich, dass irgendwer das Deodorant erfunden hat.
Sehr lohnenswert jedenfalls, doch. Muss ich ehrlich zugeben, hätte ich ja nicht erwartet. Würde ich auf jeden Fall noch mal hingehen, dann auch mit echten Songtexten und Schminke. Und das nächste Mal würde ich mich auch nicht mehr in die Nähe eines Kotzenden stellen. Hätte fast mitgekotzt, kann das nämlich echt nicht riechen.
Alles für den Rock‘n'Roll!
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